Vorwort

„Es sind mittlerweile gut zwei Jahrhunderte seit dem Tode W.A. Mozarts vergangen. Ein nie versiegender Strom wissenschaftlicher Untersuchungen zu diesem Thema beweist, daß sich die Gemüter immer noch nicht beruhigt haben, liegen doch die Umstände seiner Krankheit, seines Sterbens und seiner Grablegung in trübem Dunkel und beschäftigen Phantasie und Gemüt vieler seiner Verehrer. In der Tat hat dieser weiße Fleck der europäischen Musikgeschichte ein blühendes Legendenwesen genährt.
Nur eine Aufarbeitung des »Falles«, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und Fakten gemäß dem heutigen Kenntnisstand neu bewertet, könnte den immer noch und wieder aufkeimenden Spekulationen ein Ende bereiten.

Mit wieviel Liebe und Sorgfalt haben sich nicht ungezählte Autoren über die Jahrzehnte hinweg mit diesem Thema beschäftigt und ein Gutteil ihrer Zeit und Energie auf die Lösung der Rätsel verwendet. Hier sind an erster Stelle die Mediziner zu erwähnen. Sie haben ex post im Laufe der Zeit eine Vielzahl möglicher Diagnosen zu Mozarts finalem Leiden zusammengetragen. Von den neueren Verfassern seien erwähnt: der eidgenössische Zahnarzt C. Bär, welcher neue Quellen erschlossen hat und zu dem Ergebnis kommt, Mozart sei einer rheumatischen Krankheit erlegen; ferner die Ärzte Dalchow, Duda und Kerner, die einen unglaublichen Teil ihrer Zeit mit Forschungen vor Ort verbracht haben müssen. Sie haben weitere, höchst wertvolle Quellen zugänglich gemacht. Leider kommen letztere auf die altbekannte Giftmordtheorie zurück und verlieren sich in esoterischen Spekulationen.

Letztlich ist ja auch, nach so langer Zeit, nichts in strengem Sinne beweisbar. So nimmt nicht wunder, daß die Bemühungen der Mediziner im Vagen stecken bleiben; viele von ihnen kommen zu dem Schluß, aus heutiger Sicht sei eine abschließende Bewertung leider nicht mehr möglich; Mozart sei einer Epidemie oder einem multifaktoriellen Geschehen erlegen. Während eine Epidemie in Wien um das Jahresende 1791 ausgeschlossen werden kann, mutet andererseits die Unterstellung eines multifaktoriellen Geschehens wie eine Kapitulation vor der Komplexität des überlieferten Gesamtbildes an.
Gestehen wir es: die Schwierigkeiten bei der Würdigung der damaligen Vorgänge sind enorm. Zum einen hat sich die Medizin in den verflossenen 200 Jahren grundlegend gewandelt und tritt, was insbesondere eine von manchen Ärzten vehement diskutierte rheumatische Erkrankung Mozarts angeht, in weitgehend neuem klinischen Bilde auf.
Zum andern treten weitere Schwierigkeiten sowohl bei der Interpretation so weit zurückliegender Krankheitsursachen und Verläufe, als auch der gesamten damaligen Nomenklatur hinzu.
Ein medizinischer Laie, der sich immerhin in den Begriffen der modernen Medizin halbwegs auskennen mag, ist völlig überfordert von dem antiken System der Säftelehre, welchem die behandelnden Ärzte Mozarts immer noch anhingen und das bei Diagnose und Therapie die zentrale Rolle spielte. Wie viele Menschen wurden noch zu Mozarts Zeiten mit tödlichem Ausgang zur Ader gelassen, um die vermeintliche Störung der »Harmonie der Säfte« zu behandeln?

Aber selbst ein zeitgenössischer Arzt wird schwerlich etwas mit der drastischen, nur aus der damaligen Medizin interpretierbaren Formulierung Leopold Mozarts anfangen können – der übrigens seine Familie virtuos mit diversen Heilkräutern und Pülverchen traktierte –, wenn er einmal schrieb: »Ich will das der Arsch den Kopf Curieren soll«.

Die Literatur zu Mozarts Leben, Sterben und Grablegung ist uferlos. Es ist gewiß ein kühnes Unterfangen, mit einem weiteren Buch aufzutreten und der Leserschaft noch etwas Bedeutendes zum Thema seines Hinscheidens mitteilen zu wollen. Der Verfasser unternimmt dennoch eben solch einen Versuch in der festen Ansicht, die entscheidenden Fragen um Mozarts Ende erklären zu können. Auch bei ihm kommt ein gewisses spekulatives Element nicht zu kurz, dies wird jedoch in der Regel als solches kenntlich gemacht.
Der informierte Leser, welchem hiermit die Überlegungen und Thesen zu einer vorurteilsfreien Prüfung vorgelegt seien, wird wissen, daß Mozarts letzte Erdentage und die genaueren Umstände seiner Beerdigung unter einem Wust von Widersprüchen und Unklarheiten versunken sind. Dieses Gestrüpp zu durchdringen, bedarf es einerseits sorgfältiger Einbeziehung des historischen Umfeldes, andererseits kritischer Distanz zum überlieferten Material. An beidem hat es häufig, so will es scheinen, zumindest bei der medizinischen Würdigung des vorhandenen Materials, gemangelt. Fehlschlüsse waren demzufolge quasi vorprogrammiert.

Der Autor des vorliegenden Werkes geht von einer bestimmten Arbeitshypothese aus und untersucht das breit gefächerte historische Quellenmaterial danach, inwieweit mit deren Hilfe das Agieren Mozarts sowie der ihm nahestehenden Personen schlüssig interpretiert und zugleich sie selbst gestützt wird. Nun trifft es sich allerdings, daß besagte Hypothese beim Mozart-Fan fast unausbleiblich Mißmut, Bestürzung und Abwehr hervorrufen wird: Er wird sein Idol als fehlbaren, hedonistischen Menschen erkennen. Dies mag schmerzlich und enttäuschend sein, tut aber der Größe seines musikalischen Werkes nicht den geringsten Abbruch. Mag der Leser zugleich bedenken, daß Seelengröße auch darin besteht, seinen Nächsten mit seinen Fehlern zu akzeptieren, ihn mit all seinen Schwächen anzunehmen und zu lieben. Neben erschütternden Erkenntnissen führt die eingehende Beschäftigung mit diesem außergewöhnlichen Menschen auch zur Überzeugung: dieser bescheidene, lebensfrohe Mann hätte kaum an der Heiligenverehrung Gefallen gefunden, die nach seinem Tode von selbsternannten Sachwaltern – nicht zuletzt aus kommerziellem Interesse – inszeniert wurde.
Der Verfasser bedankt sich bei Hannes Grillparzer für eine erste Durchsicht des Manuskripts. Gedankt sei gleichermaßen dem Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln für freundlich gewährten Zugang zu seinen Ressourcen.

Besonderer Dank gilt meiner Familie, die es an Ermutigung nie hat fehlen lassen.

Köln, im Frühjahr 2004“